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Ein halbes Jahr in einer fremden Welt

Von Karin Jürgens

Alles ist ruhig. 120 neugierige Augen richten sich gespannt auf mich, als ich den Raum betrete. Der Weg zum Pult, an dem ich in den nächsten sechs Monaten stehen werde, scheint endlos. Niemand soll meine Angst bemerken. Angekommen. Vorsichtig lege ich mein Englischbuch auf den Tisch – dies ist in diesem Moment das einzig vernehmbare Geräusch. 60 Schüler sitzen auf kleinen, braunen Holzstühlen, die auch schon bessere Tage gesehen haben. Mit ihren Büchern auf dem Schoß sehen sie das Mädchen, das soeben den Raum betreten hat, an. Die Unbekannte hat komische helle Haare und eine sehr bleiche Hautfarbe.

Ich atme auf, sehe die Kinder an, beginne zu lächeln und stelle mich vor: „Good morning! My name is Karin and I will be your Foreign English Teacher during the next six months.“ Danach warte ich auf eine Reaktion der Schüler. In diesem Moment schallt es auch schon zurück: „Good morning, teacher! How are you?“ Unruhe breitet sich aus, es mischen sich Applaus und Gelächter. In den folgenden 40 Unterrichtsminuten werde ich mit Fragen bombardiert: „Where is Germany?“, „Do you really drink beer for breakfast?“, „Could you show us some pictures of your family?“ Fragen wie diese begleiteten mich einige Wochen am anderen Ende der Welt.

Als „Foreign English-Teacher“ an der Middle School No. 8 in der Südchinesischen Millionenstadt Liuzhou, war ich gespannt auf das Leben in dem 10 000 Kilometer entfernten Land. Die meisten Schüler waren wirklich sehr nett. Allerdings gab es auch einige „Nervensägen“, die einem den Unterricht schwer machen konnten, indem sie entweder die unmöglichsten Dinge fragten oder einfach nur laut waren. Aus Erzählungen vor meinem Trip nach China hatte ich mehr Disziplin erwartet. Es ist erstaunlich, dass sich die 14-16 Jährigen Schüler, die in meinen Klassen waren, sich in dieser Hinsicht kaum von den Kindern in Deutschland unterscheiden.

Morgengymnastik in der Pause

Die Ventilatoren kämpfen gegen die stehende Hitze der glühend heißen Septembersonne an. Bald hatte ich die erste Stunde geschafft. Dann der erlösende Gong zur Pause. Ich sehe auf die Uhr und stelle fest, dass es erst gegen 10 Uhr war. „Unglaublich, diese Hitze.“, denke ich und schließe die Tür des Klassenraumes. In Gedanken war ich schon auf dem Weg zum Kiosk und kaufte mir Wasser. Ein lachendes Mädchen kam mir entgegen gelaufen. Es war Cissy, die Lehrerin, die mir ein paar Tage zuvor meine Wohnung gezeigt hatte. Sie drückte mir eine eiskalte Flasche Wasser in die Hand und führte mich auf den Pausenhof. Ich glaubte zunächst nicht, was ich dort sah: In dieser Sekunde ertönte Musik aus den Lautsprechern, die an den Außenwänden der Schule angebracht waren. Und die ungefähr 3000 Schüler, die aufgereiht nebeneinander standen, bewegten sich rhythmisch zu einer Art Militärmarsch. Übers Mikrofon erklang eine Frauenstimme, die zu zählen schien und die Art der Bewegung anwies.

Schwere Lebensbedingungen

Eine weitere Tatsache, die gewöhnungsbedürftig war, war, dass Strom keine Selbstverständlichkeit war, genau wie ausreichend warmes Wasser. Im Winter saß ich oft mit den anderen Lehrern der Schuler im Lehrerzimmer und wärmte meine Hände über einem Wok, der mit glühenden Kohlestücken gefüllt war.

Es gibt in China zu viele Menschen mit zu wenig Geld. Familien müssen, wenn sie mehr als ein Kind haben wollen, 8 000 Yuan – das sind ungefähr 800 Euro – an die Regierung zahlen. Das ist Geld, das nur wenige haben. Im Landesinneren, wo viele Familien ohne fließendes Wasser und Strom leben, darf eine Familie so lange Kinder bekommen, bis ein Junge geboren wird, der die Reisfelder des Vaters übernehmen kann.

Die Überbevölkerung kriegt man auch in den Klassenräumen jeder Schule mit. Es gibt zu wenige Lehrer, um 60-70 Schüler in einer Klasse zu unterrichten. Oftmals war ich abends heiser, weil ich im Unterricht mehr schreien als normal reden musste, damit die Kinder in den letzten Reihen überhaupt mitbekamen, was ich sagte. Im Gegensatz zu den ausgebildeten Lehrern, die fast genauso viel Gehalt wie ich bekamen, – sie bekamen 150 Euro im Monat, ich 110 – ging es mir besser. Denn sie verrichteten mindestens drei Mal so viel Arbeit, da sie auch Klassenarbeiten und mehr Unterrichtsmaterialien vorbereiten mussten.

Obwohl China eines der Länder mit dem höchsten industriellen Wachstum ist, laufen zwischen den Hochhäusern und modernen Büroräumen, Kinder ohne Schuhe herum, spielen mit irgendwelchen Dingen, die sie auf der Straße finden. Ganz egal, ob ein Ast, ein dreckiger, kaum aufgepumpter Ball oder ein undefinierbares Stück Plastik.

Das schockt einen und macht einem klar, wie gut man selbst es hat. Die Armut wird in China leider nicht vom Staat bekämpft, man bekommt eher den Eindruck, als seien eine gut laufende Industrie und große Städte mit schönen Häusern wichtiger als das Leben der vielen Chinesen zu verbessern. Stattdessen wird der Strom tagsüber als Sparmaßnahme abgestellt.

Merkwürdige Gebräuche

Das Land im Mittleren Osten bietet allerdings auch viel an Kultur und ungewöhnlichen, beinahe lustigen Gebräuchen. So ist es bei Tisch nicht unhöflich zu schmatzen oder ein Stück Knochen auf den Tisch oder Boden zu spucken. Aber nicht nur im Restaurant geschehen merkwürdige Dinge. Ein Erlebnis der besonderen Art ist es, in China auf dem Markt einkaufen zu gehen. Hier zählt: „Wer am frechsten und am lautesten handelt, bekommt das beste Schnäppchen.“

Einige meiner Schülerinnen nahmen sich nachmittags nach der Schule oft Zeit, um mir ihre Heimat näher zu zeigen. Sie gingen mit mir einkaufen, zeigten mir wo es die besten Leckereien gibt und erzählten dabei aus ihrem, nicht immer einfachen, Leben. Helen, ein Mädchen aus der Klasse drei der zweiten Stufe, sagt, dass sie sich freut, weil bald Ferien sind. Sie und Angel, ihre beste Freundin, erzählten mir: „Wenn wir morgens hierher kommen, kontrolliert ein Lehrer, ob unsere Schuluniformen sauber sind, unsere Haare zusammen gebunden und die Fingernägel nicht zu lang sind.“ Der Lehrer entscheidet dann, ob sie am Unterricht teilnehmen dürfen, oder ob ein Schulverweis ausgesprochen wird.

Wer einmal nach China reist, wird unweigerlich in denn Bann fernöstlicher Mentalität, kombiniert mit grenzenloser Gastfreundschaft und Neugierde gegenüber Fremden, gezogen. Das dritt größte Land der Welt bietet den vielen Tausenden Besuchern, die Chance am chinesischen Leben teilzuhaben und von Einheimischen wie ein Teil der Familie aufgenommen zu werden.

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Page last modified on 22.05.2006 08:31 Uhr