Zwei blaue Kulleraugen, lange, schwarze Wimpern, eine kleine Stupsnase und hellrosa gefärbte Hamsterbäckchen. Vorsichtig setzt Sophia ein Bein vor das andere, macht die ersten Schritte an Mamas Hand. Schließlich hat sie keine Lust mehr, setzt sich hin und zieht ein klapperndes Stehaufmännchen zu sich heran. Ein paar Mal stupst sie es mit ihren kleinen Händchen an, um sich dann wieder etwas Neues zu suchen. Jetzt hat sie eine Plastiktafel in der Hand, sie kommt auf eine Taste, die Tafel sagt: „Ich bin ein blaues Schaf“, und Sophia schaut sich erschrocken von dem plötzlichen Laut in die Stille des Zimmers um. Dann entdeckt sie Mama Nadine, die hinter ihr sitzt und brabbelt ein paar unverständliche Laute vor sich hin. Nadine nimmt die Kleine hoch. Sie ist jetzt ein Dreivierteljahr, und Mama Nadine sieht man die Freude über die Kleine an. Auch wenn sie kein Wunschkind war. Denn Nadine ist gerade erst 19. Während es früher normal war, mit Anfang 20 ein Kind zu bekommen, sind heute viele Jugendliche in diesem Alter noch in der Schule oder Ausbildung. So war es auch bei Nadine.
Mit starkem Willen und Durchsetzungsvermögen
„Ich will mein Abitur unbedingt machen“, hatte sie ihren Eltern fast im gleichen Atemzug mitgeteilt wie die Tatsache, dass sie von ihrem Freund Sven schwanger sei. An eine Abtreibung hat sie nicht gedacht. Also musste beides unter einen Hut gebracht werden. Doch das sei wahrlich nicht immer leicht gewesen, sagt sie. Unzählige Male waren sie bei der Schulleitung, um die Frage zu klären, wie es mit der Schwangeren und dem geplanten Abitur nun aussehe. Ob sie die Prüfungen nachholen dürfe, wann das alles geschehen werde und ob sie pünktlich zusammen mit den anderen Abiturienten ihr Zeugnis entgegennehmen könne. Doch immer wieder wurden sie vertröstet mit dem Spruch, sie solle erst einmal abwarten und dann werde man weitersehen. „Die haben wahrscheinlich gedacht, dass ich es mir anders überlege und die Schule doch nicht zu Ende mache.“ Aber Nadines starker Wille und die Unterstützung von ihrem Freund Sven und der ganzen Familie haben ihr die Kraft gegeben, weiter zu machen und nicht aufzugeben. Und dann war da noch die Gleichstellungsbeauftragte des Ortes, Ilona Häckel, die Nadine und ihrer Familie half, als ihre Bemühungen um eine Gleichberechtigung der Schwangeren in der Schule im Dschungel der Bürokratie stecken zu bleiben drohten. „Schließlich haben wir gedroht, mit der ganzen Sache vor Gericht zu gehen und dann ging´s auf einmal. Dann kam der Anruf von der Schule, dass die Prüfungen für mich da sind, und es konnte endlich losgehen.“ Sophia schaut ihre Mama an, ihre Mundwinkel verziehen sich nach oben und ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann brabbelt sie wieder vor sich hin. Nadine schaut die Kleine liebevoll an und sagt: „Ich könnte mir mein Leben gar nicht mehr ohne sie vorstellen. Und ich will jetzt auch gar nicht mehr jugendlich sein, ich fühle mich wohl in meiner Mutterrolle.“
Ungewöhnliche Begebenheiten
Und Sophia kann stolz auf ihre Mama sein. Denn Nadine musste drei Prüfungen innerhalb einer Woche nachholen, „Englisch an meinem 19. Geburtstag“. Die mündliche Prüfung in Kunst, einem ihrer Lieblingsfächer, hat sie dann wieder mit den anderen Abiturienten zusammen gemacht. Nur, dass die sich lange und intensiv auf alles vorbereiten konnten, während Nadine ihr Kind bekommen hat. Aber ihre Eltern haben ihr die Kleine oft abgenommen, damit die junge Mutti wenigstens ein bisschen Schlaf bekam. „Die ersten vier Wochen nach der Geburt war erst mal gar nicht ans Lernen zu denken, da hatte ich hier alle Hände voll zu tun und musste viel schlafen, um neue Kraft zu tanken.“ „Mit Sophia an der Brust und dem Hefter in der Hand“ hat sich Nadine schließlich durch den ganzen Prüfungsstoff durchgekämpft. „Davon gibt es sogar noch Fotos“, sagt sie lachend. Auch ihre schriftlichen Prüfungen verliefen nicht wie bei allen anderen Abiturienten. Nadines Mutter saß im Nebenzimmer und hat auf die kleine Sophia aufgepasst. Wenn die kleine geschrieen hat, musste Nadine ihre Prüfung unterbrechen und die Kleine erst einmal stillen, bis die zufrieden war. Wahrlich kein Zuckerschlecken. Aber neben ihrem Freund und ihrer Familie hätten auch viele nette Lehrer hinter ihr gestanden. „Eine Lehrerin kam sogar herein, während ich gerade gestillt habe. Sie hat einfach zu ihren Schülern gesagt, sie müsse mal aufs Klo und kam dann zu mir ins Stillzimmer, um Sophia zu sehen.“, lacht Nadine. Solche Episoden wird sie ihrer Tochter später einmal voller Stolz erzählen können. Denn stolz kann sie wirklich sein bei einem Notendurchschnitt von 2,1. Mit 19 Jahren ist Nadine damit eine sehr junge Mutti, denn das Durchschnittsalter, in dem Frauen heute in Deutschland Kinder bekommen, ist mittlerweile auf 30 gestiegen. Erst einmal studieren, arbeiten und das Leben genießen, ist der einhellige Wunsch bei den meisten in Nadines Alter. Doch während das Durchschnittsalter beim Kinderkriegen steigt und die Geburtenrate sinkt, nimmt die Zahl der Teenagerschwangerschaften kontinuierlich zu. Viele dieser jungen Mütter sehen dann keine Perspektive mehr in ihrem Leben, brechen die Schule ab und wissen nicht weiter, weil sie auf Unterstützung von der Familie kaum hoffen können. Da hat es Nadine besser getroffen. Ihre Familie hat von Anfang an hinter ihr gestanden, sie hat ihr Abitur gemacht und inzwischen auch den Vater ihres Kindes geheiratet. Das große Gemälde über dem Sofa im Wohnzimmer zeigt die kleine glückliche Familie bei der Hochzeit im Sommer.
Neue Herausforderungen
Im nächsten Jahr, wenn Sophia in den Kindergarten geht, will Nadine neue Herausforderungen annehmen und ihr geplantes Studium zur Grundschulpädagogin in Kunst und Religion aufnehmen. Nadine nimmt Sophia, bindet ihr den kleinen Schal um, setzt das Mützchen auf und zieht mit geschickten Handgriffen das Jäckchen an. Dann zieht sie sich selbst an, steigt mit der Tochter auf dem Arm die Treppen des Hausflures herunter und geht hinaus in die Kälte des Winters. Gegenüber, im Haus ihrer Eltern, wartet die Verwandtschaft schon ganz gespannt auf die kleine Sophia. Die schaut mit ihren großen Kulleraugen, zufrieden auf dem Nuckel kauend, heraus auf die verschneite Landschaft, während sie von Mama Nadine auf die andere Straßenseite getragen wird.